»Obst und Gemüse sind gesund, weil sie Vitamine enthalten. Also sind Vitamine gesund und man sollte dafür sorgen, dass man sich reichlich mit ihnen versorgt.« So denken viele Bundesbürger und man kann es bei jedem nur zu gut verstehen, wird uns doch von vielen Seiten tagtäglich diese Botschaft suggeriert, sei es in den Schaufenstern der Apotheken, auf Plakaten im Supermarkt oder in der Fernsehwerbung.

Doch dieser Umkehrschluß ist zwar nicht falsch, er erfasst das Thema »Vitaminversorgung« aber zu einseitig.

Der hohe Wert, den Obst und Gemüse für die Gesundheit haben, ist nicht nur in ihrem Vitaminreichtum begründet. Frische pflanzliche Kost versorgt den Körper darüberhinaus mit vielen anderen Vitalstoffen, Spurenelementen und Ballaststoffen, und sorgt außerdem dafür, dass das Säure-Basen-Gleichgewicht positiv beeinflusst wird. Deshalb können Vitamintabletten und Mineralstoffpräparate allein niemals eine ausgewogene Ernährung ersetzen. Denn von den 5 000 bis 10 000 verschiedenen Substanzen in unserer Nahrung können chemisch hergestellte Monopräparate nur einen winzigen Teil enthalten. So hat man beobachtet, dass Vitamine und Mineralstoffe erst im Zusammenspiel mit anderen Substanzen ihre Wirkung optimal entfalten können. Auch weiß man, dass die Darmschleimhaut Vitamine in organisch gebundener Form wesentlich besser resorbieren kann, die Resorptionsleistung hingegen abnimmt, wenn das Vitamin sozusagen isoliert und in geballter Ladung verabreicht wird. In einem Bild ausgedrückt: Die geschmackliche Wirkung eines Obstkuchens ist gewiß nicht dieselbe, wenn man Mehl, Eier, Butter, Obst … getrennt isst – statt zu einem Kuchen verarbeitet. Das Zusammenspiel und die optimale Abstimmung der Einzelbestandteile ist es nämlich, was die beste Wirkung, im Falle unseres Beispieles also den Wohlgeschmack, hervorbringt.

Auf den Punkt gebracht: Das Vitamin C aus ein oder zwei frischen Apfelsinen kann der Körper viel besser aufnehmen und verwerten als eine Messerspitze synthetisch hergestelltes Vitamin-C-Pulver.

Wieviel Gesundheit braucht der Mensch?

Wenn man sich die Empfehlungen der Ernährungs- gesellschaften verschiedener Länder anschaut, so könnte man meinen, dass sich der Vitaminbedarf mit der Nationalität ändert. So werden den Amerikanern pro Tag 60 mg Vitamin C empfohlen, den Briten 30 mg, den Franzosen 80 mg, den Italienern 45 mg und den Deutschen 75 mg. Die bundesdeutsche Empfehlung für Vitamin B12 z. B. sank im Jahre 1991 von 5 auf 3 Mikrogramm. Brauchen wir auf einmal 40 % weniger?

Tatsache ist, dass es bis heute keine Methode gibt, den genauen Vitaminbedarf eines Menschen zu ermitteln. So wie der Kalorienbedarf schwankt er von Mensch und Mensch und ist daher eine individuelle Größe. Ebenso schwierig ist es, allgemeingültige Grenzwerte nicht nur für die optimale Vitaminversorgung festzulegen, sondern auch für die Menge, ab der man von einer »Überdosierung« sprechen kann. Denn man kann auch des Guten zuviel tun.

Krank durch Vitamine

Es ist traurig, aber wahr: Vitamine im Übermaß können krank machen und sogar zu Vergiftungen führen.

Als Niacin, ein Vertreter der B-Vitamine, bei psychiatrischen Krankheiten in hohen Dosen eingesetzt wurde, traten bei manchen Patienten Gelbsucht und Leberfunktionsstörungen auf, ferner Hitzegefühle, Juckreiz, Quaddelbildung, Herzrhythmusstörungen und Nervosität. Niacin wird jedoch nicht nur in der Psychiatrie verwendet. Da es im Fleisch für eine schöne rote Farbe sorgt, findet es sich z. B. auch in Hackfleisch, Hamburgern und in Kantinenessen, so dass in einem Fall Gäste, die davon aßen, plötzlich über Juckreiz klagten.

Vitamin A in zu hoher Dosierung erzeugt Missbildungen beim ungeborenen Kind und führt beim Erwachsenen zu Schmerzen, Schwindel, Erbrechen, Haarausfall und Blutungsneigung. Vitamin B6 in zu hoher Dosierung führt zu Funktionsstörungen von Händen und Füßen (periphere sensorische Neuropathie), Überdosierung von Vitamin D löst Kalk aus dem Knochen und führt zu Nierenverkalkung. Die Liste lässt sich fortsetzen.

Was tun?

• Sorgen Sie für eine abwechslungsreiche Kost mit einem hohen Anteil an frischem Obst und Gemüse. Auch Milch, Eier und ein gutes Stück Fleisch oder Fisch sind wertvolle Vitaminlieferanten. Wenn Sie sich wirklich etwas Gutes tun wollen, kaufen Sie unbehandelte Lebensmittel aus kontrolliert biologischem Anbau. Ungespritzes Obst und Gemüse sowie Fleisch aus artgerechter Tierhaltung sind qualitativ hochwertigere und vitalstoffhaltigere Nahrungsmittel als Produkte, die im Schnellverfahren und unter Einsatz von viel Chemie hergestellt wurden. Achten Sie ferner darauf, dass die Lebensmittel nicht zu lange lagern, sondern in Ihrer Küche rasch und schonend verarbeitet werden. Je weniger Sie die Nahrung erhitzen, desto mehr Vitamine bleiben erhalten.

• Selbst die Deutsche Gesellschaft für Ernährung gibt zu, dass in der Bundesrepublik nur sehr wenige Menschen an einem echten Vitaminmangel leiden. Auch Raucher mit ihrem erhöhten Vitaminbedarf benötigen keine zusätzliche Vitaminzufuhr, wenn sie sich reichlich mit frischer Kost versorgen.

• Vitaminpräparate sind im besten Fall nutzlos, oft schädigen sie die Gesundheit und auf jeden Fall schädigen sie Ihr Portemonnaie. Sie sind nicht dafür geeignet, Beschwerden oder gar Erkrankungen selbst zu behandeln.

• Bei einigen Krankheiten ist eine konzentrierte Zufuhr eines bestimmten Vitamins sinnvoll und medizinisch notwendig. Jedoch nur nach genauer Diagnose und unter strenger Kontrolle Ihres Arztes oder Heilpraktikers.