Neue Forschungsergebnisse verhelfen der Akupunktur immer mehr zu einem festen Platz in der Schulmedizin. Von Seiten der westlichen Medizin erfuhr die Akupunktur erstmals am 5.11.1997 Anerkennung durch die oberste Gesundheitsbehörde der USA. Das »National Institute of Health« (NIH) verabschiedete eine Erklärung, in welcher Akupunktur unter anderem bei Schmerzerkrankungen empfohlen wird: »Die klinischen Daten deuten darauf hin, dass Akupunktur eine generelle Wirkung gegen Schmerzen besitzt«, lautete Ende 1997 das Urteil des Nationalen Gesundheitsinstitutes der USA. Die Akupunktur ist heute ein wichtiger Baustein in der interdisziplinären Schmerztherapie. Mittlerweile verzichtet kaum eine Schmerzambulanz auf die Wirkung der Akupunktur.

Folgende Wirkungen der Akupunktur gelten heute als gesichert:

  • die analgetische (= schmerzlindernde),
  • die vegetativ-regulierende,
  • die psychisch-harmonisierende,
  • die motorisch-aktivierende sowie
  • die das Immunsystem modulierende Wirkung.

Die Akupunkturpunkte, die die Basis des Systems bilden, sind nach neueren Erkenntnissen zu einem hohen Prozentsatz identisch mit der anatomischen Lage so genannter Trigger-Punkte (= schmerzhafte, übererregbare Stellen in verkürzten und verhärteten Muskelfaserbündeln). Auch die segmentalen Maximalorte nach HEAD und MACKENZIE zeigen deutliche Übereinstimmungen mit den Erfahrungen der Akupunktur.

Neuerdings wurde auch die anatomische Besonderheit der Akupunkturpunkte durch Prof. HEINE an der Universität Witten-Herdecke nachgewiesen: Akupunkturpunkte befinden sich an Durchtrittstellen von Nerven-Gefäßbündel durch die Muskelhäute. Es handelt sich hier um kleine Löcher, wenige Millimeter tiefe Kamine in dem Gewebe zwischen Haut und Muskeln, durch die sich Bündel von Blutgefäßen und Nerven ziehen. Durch Messen des elektrischen Widerstands lassen sich die Akupunkturpunkte/Löcher immer wiederfinden.

Aus der Grundlagenforschung ist bekannt, dass durch Akupunktur so genannte »endogene Opiate« vermehrt ausgeschüttet werden. Dies sind vom Körper selbst gebildete hormonartige Eiweißstoffe mit schmerzhemmender Wirkung.

361 Akupunkturpunkte befinden sich auf den Meridianen. Die Meridiane bilden demnach das Raster für die Akupunktur. Diese besitzen zwar keine anatomische Grundlage, dafür lassen sie eine klare und in sich schlüssige Systematik erkennen. Nach der traditionellen chinesischen Vorstellung fließt durch das Meridiansystem die Lebensenergie »QI« und reguliert die Körperfunktionen. Mittels der Meridiane spannt die Akupunkturlehre funktionelle Brücken zwischen den verschiedensten, durchaus nicht benachbarten Organen und Geweben.

Generell gilt, dass Akupunktur bei allen wiederherstellbaren Funktionsstörungen wie z. B. Schmerzerkrankungen, Allergien, Asthma, Menstruationsbeschwerden, Wechseljahresbeschwerden, Schwangerschaftsübelkeit usw. eingesetzt werden kann.

Viele Wirkungen der Akupunktur sind den Heilkundigen seit Jahrhunderten bekannt. Leider sind nur wenige dieser wertvollen Wirkungen wissenschaftlich erforscht, da einerseits bisher noch zu große Berührungsängste seitens der westlichen Wissenschaft bestehen und andererseits viele der bereits durchgeführten Studien methodische Mängel besitzen.

Erfreulicherweise ist in letzter Zeit eine zunehmende Akzeptanz und ein vermehrtes Interesse für chinesische Medizin zu beobachten. Auch im Hinblick auf die desolate finanzielle Situation des Gesundheitswesens ist der Aspekt der geringen Kosten, die die Akupunktur verursacht, auch von großer politischer Bedeutung.

Die ärztliche Ausbildung wird heutzutage aufgrund der im Westen vorherrschenden Auffassung des Dualismus von Körper und Seele-Geist der komplexen Situation des Patienten oft nicht gerecht. Meist werden unklare Schmerzen oder Beschwerden kausalanalytisch bestimmten Schmerzsyndromen zugeordnet. Wenn sie dann nicht erfolgreich therapierbar sind, verweist man den Schmerz allzu schnell in den Bereich der Psychologie bzw. Psychosomatik.

Im Gegensatz hierzu besteht in der chinesischen Philosophie und Medizin als wirklichkeitsstiftende Betrachtungsweise die Polarität von YIN und YANG als ständige Möglichkeit der Ergänzung und Erneuerung, die sich aus einer schöpferischen Urkraft, dem TAO, speist.

Die Traditionelle chinesische Medizin betrachtet nicht nur vordergründig ein gestörtes Organ als behandlungsbedürftig, sondern setzt dieses gestörte Organ mit dem Gesamtsystem »Mensch« in Beziehung. Ebenso wird hier die Einbeziehung des Menschen in seine Umwelt berücksichtigt. Dieses Behandlungskonzept folgt damit einer ganzheitlich orientierten Medizin und ergänzt die konventionellen Therapieverfahren.

Konkret heißt dies für den Patienten mit chronischen Schmerzzuständen, dass bei Anwendung von Akupunktur nicht nur die analgetischen Wirkungen, sondern auch die psychisch-harmonisierenden Wirkungen zum Tragen kommen, wenn dies erforderlich ist.

Eine mögliche wissenschaftliche Erklärung lieferte unlängst Prof. ZIEGLGÄNSBERGER vom Max-Planck-Institut München. An Akupunkturpunkten bewirken durch den Einstich gereizte Nervenfasern eines bestimmten schmerzdämpfenden Typs (sog. A-Delta-Fasern, Endorphine ausschüttend) eine »Schmerzextinktion«, d. h. die schmerzvermittelnde Nervenzelle »vergisst« den einmal »erlernten« Schmerz nach und nach im Verlauf von wiederholten Akupunktur-Sitzungen.

Bevor sich jemand für eine Akupunkturbehandlung entscheidet, muss als erste Maßnahme zunächst immer eine ausführliche Abklärung des Krankheitsbildes nach Gesichtspunkten der modernen westlichen Diagnostik erfolgen. Sollte Akupunktur angezeigt sein, wird meistens ein Behandlungsplan erstellt, bei dem sowohl medikamentöse als auch physikalische Maßnahmen sowie Naturheilverfahren und/oder psychotherapeutische Verfahren im Gesamtkonzept einer Therapie je nach Indikation kombiniert werden. Akupunktur ist meist keine Monotherapie!

Der Arzt wird die Akupunktur-Sitzungen beginnen, indem er den Patienten ruhig und entspannt lagert, d. h. meist liegen lässt. Beim Einstich entsteht eine minimale unangenehme Empfindung, die beim Tiefergehen der Nadel in der Regel verschwindet. Erst wenn die Nadel an ihrem endgültigen Platz ist, soll ein unterschiedlich dumpfes Gefühl entstehen, was mit der Nadelwirkung gekoppelt ist und »de qi« genannt wird. Nach einigen Minuten lässt dieses Gefühl nach, so dass der Patient ohne größere Sensationen während einer Behandlungsdauer von ca. 20 Minuten entspannt liegt. Es werden immer so wenig Nadeln wie möglich gestochen, in der Regel maximal 10 – 12 Nadeln in einer Sitzung. Meist sind zunächst 10 – 15 Sitzungen in mindestens wöchentlichen Abständen nötig, um ein gutes Ergebnis zu erzielen, in seltenen Fällen auch weniger. Danach können die Intervalle sukzessive vergrößert werden.